London [1]

London [1]

London (spr. lonnd'n; hierzu Stadtplan: »London, innere Stadt«, mit Registerblatt), Hauptstadt Englands und des britischen Reiches, die bevölkertste Stadt der Erde, liegt zu beiden Seiten der hier 180–275 m breiten Themse, 97 km oberhalb deren Mündung in die Nordsee, unter 51°30´ nördl. Br. und 0°5´ westl. L. (Kathedrale von St. Paul). Seit 1888 bildet L. für Verwaltungszwecke eine Grafschaft und bedeckt einen Flächenraum von 302,9 qkm, wovon 128,1 qkm auf die alte Grafschaft Middlesex, 93,6 qkm auf Surrey und 81,2 qkm auf Kent kommen.

Wappen der City von London.
Wappen der City von London.

Diese neue Grafschaft entspricht den Grenzen des ehemaligen Board of Works und besteht seit 1899 aus der City und 28 Verwaltungsbezirken (metropolitan boroughs, s. unten). Die Grafschaft L. enthält 58 parlamentarische Wahlbezirke (parlamentary boroughs), von denen jeder einen Abgeordneten, nur die City zwei wählt. Ihre Grenzen stimmen nicht ganz mit der Grafschaft L. überein. L. erstreckt sich in gerader Linie 26 km von W. nach O., 19 km von N. nach S. und ist großenteils auf Alluviallagern von Ton und Kies erbaut, die auf dem Londoner Ton (London-clay) lagern. Im N. steigt ihr Gebiet zu den Hügeln von Highbury (46 m), Highgate (129 m) und Hampstead (134 m) an. Der südliche Stadtteil, früher teilweise sumpfige Niederung, ist in weitem Umkreise von den Hügeln Surreys umgeben, die bei Sydenham eine Höhe von 112 m erreichen. Das Klima ist gesund; die mittlere Temperatur von Greenwich ist 9,7° (Januar 3,6, Juli 16,9°), und wenn die Themse auch schon gelegentlich zufror oder sich das Eis in ihr aufstaute (wie in den Jahren 1814, 1826 und 1842), so sind doch Schnee und Eis verhältnismäßig selten. Der Regen (635 mm an jährlich 168 Tagen) ist ziemlich gleichmäßig auf die vier Jahreszeiten verteilt. Eigentümlich sind L. gelbe Nebel, die der höhern Temperatur der Themse ihre Entstehung, dem Kohlendampf ihre Farbe und den Gasentweichungen ihren eigentümlichen Geruch verdanken.

Stadtteile, Brücken, Straßen etc.

Als eigentlicher Kern der Stadt muß die City (272 Hektar) betrachtet werden, welche die frühere Munizipalverfassung behalten hat. Ihr schließen sich die mit ihr zusammengewachsenen Stadtteile sowie eine große Anzahl gartenreicher Vorstädte an, die zu folgenden Verwaltungsbezirken vereinigt sind: links der Themse im O. der City Poplar und Stepney, im W. Westminster, Chelsea und Fulham, weiter im N. Hackney, Bethnal Green, Shoreditch, Stoke Newington, Islington, Finsbury, St. Pancras, Holborn, Hampstead, St. Marylebone, Paddington, Kensington und Hammersmith; rechts der Themse Woolwich, Greenwich, Deptford, Bermondsey, Southwark, Lambeth, Battersea und Wandsworth, weiter im S. Lewisham und Camberwell.

In der City haben die großen Kaufherren ihre Geschäftshäuser, und hier entwickelt sich tagsüber der lebhafteste Verkehr. Lombard Street (s. d.) ist seit Jahrhunderten der Sitz der Bankgeschäfte; in Mark Lane wohnen Kornmäkler, in Mincing Lane Kolonialhändler, in Paternoster Row Buchhändler, und in der Nähe von Fleet Street findet man die größten Druckereien. Der City schließt sich das gewerbreiche, großenteils von Arbeitern bewohnte Ostend an. Die Docks und die vielfachen dem Seehandel gewidmeten Anstalten, die L. den Charakter einer Seestadt verleihen, liegen am Ufer der Themse. Whitechapel (im Bezirk Stepney), nördlich von dieser, hat zahlreiche Schneiderwerkstätten, und hier wohnen viele deutsche Arbeiter. Bethnal Green mit Spitalfields ist der Sitz der aus Frankreich vertriebenen Seidenweber, auch sind hier viele Möbelwerkstätten und Schuhfabriken. Clerkenwell zählt unter seiner Bevölkerung zahlreiche Uhrmacher, Juweliere und Mechaniker. Ein neutraler Streifen Landes, den die »Inns« der Advokaten und die höchsten Gerichtshöfe einnehmen, trennt die City von dem Westend, dessen geschäftlichen Mittelpunkt Charing Croß und Trafalgar Square bilden. Wie die City Sitz des Verkehrs, so ist das Westend im engern Sinne Sitz der politischen Tätigkeit, des Vergnügens und des vornehmen gesellschaftlichen Lebens. Die schönsten Stadtteile dieses Westend sind St. James mit Pall Mall und seinen zahlreichen Klubs, Belgravia im S. des Hyde Park, Mayfair und die Umgegend von Grosvenor Square im O. und der neue Stadtteil Tyburnia im N. desselben. Diese vornehmen Quartiere der Stadt wandern stetig nach W., und Straßen und Plätze, die noch zu Anfang des 19. Jahrh. für aristokratisch galten, wie Russell Square, sind den wohlhabenden Mittelklassen, den Geschäftslokalen und selbst der Armut überlassen worden. Die vornehmsten Kaufläden liegen in Regent Street, Oxford Street, Piccadilly, Strand. Indes fehlt es auch dem Westend ebenso wie dem Ostend nicht an Stadtteilen, in denen Armut und Laster ihren Sitz aufgeschlagen haben. Unter ihnen sind zu erwähnen: St. Giles, in der Nähe des Leicester Square, und Teile von Westminster und Chelsea. Der südlich der Themse gelegene Stadtteil ist voll von Arbeiterwohnungen und Fabriken. In Lambeth und Wandsworth findet man zahlreiche Töpfereien und chemische Fabriken, in Southwark Brauereien, in Bermondsey Gerbereien. Leimsiedereien und Wollniederlagen. Diese innern Stadtteile umgibt in weitem Umkreis eine Reihe von z. T. sehr stattlichen Vorstädten, die im Laufe der Zeit mit der Stadt völlig zusammengewachsen sind. Über Greenwich und Woolwich s. die besondern Artikel.

[Brücken.] Den Verkehr zwischen den auf beiden Seiten der Themse gelegenen Stadtteilen vermitteln 19 Brücken, 5 Tunnels und eine freie Dampffähre bei Woolwich. Die wichtigern Brücken sind. die 1886–94 von Sir Horace Jones und Wolfe Barry erbaute Towerbrücke, mit den Anfahrten 805 m lang; sie hat drei Öffnungen, die dem Ufer zunächstgelegenen je 82 m weit, mit Hängebrücken, die mittlere 61 m weit, mit Fahrbahn, die zum Durchlaß der Schiffe aufgeklappt wird, und einer 42,5 m über Hochwasser gelegenen Fußgängerbrücke; die Londonbrücke, das wichtigste Bindeglied zwischen City und Southwark, an der obern Grenze des Londoner Hafens, ist 1825–31 von John Rennie an Stelle der ältesten, seit 1209 bestehenden steinernen Brücke der Stadt aus schottischem Granit ausgeführt. Einschließlich der Widerlager ist die Brücke 283 m lang, von den fünf Bogen hat der mittlere 46,3 m Spannweite. Ihr zunächst folgt die vom Bahnhof in Cannon Street ausgehende Eisenbahnbrücke, die von 16 gußeisernen Zylindern getragen wird. Oberhalb liegt die 1815–19 erbaute Southwarkbrücke, ein Meisterwerk John Rennies, 215,8 m lang, mit drei gußeisernen, auf steinernen Pfeilern ruhenden Bogen (der mittlere 73,2 m weit). Dann folgen rasch auseinander eine Eisenbahnbrücke, die Alexandrabrücke, 317 m lang, die gleichfalls dem Eisenbahnverkehr dient, und die 1869 vollendete Blackfriarsbrücke, 281 m lang, mit schmiedeeisernen, von Granitpfeilern getragenen Bogen und einem Denkmal der Königin Viktoria (seit 1897), am Beginn des Victoria Embankment (s. unten). Die Waterloobrücke, 1811–17 ebenfalls von Rennie erbaut und unstreitig eine der schönsten Brücken der Welt, ist 420 m, mit Einschluß ihrer Anfahrten 746,6 m lang, und ihre neun Korbbogen haben eine Weite von 36,5 m. Die Eisenbahngitterbrücke bei Charing Croß nimmt die Stelle einer alten Hängebrücke ein. Auf sie folgt die 1856–62 von Page erbaute Westminsterbrücke, aus Stein und Eisen ausgeführt, 352,6 m lang und 25,9 m breit, mit sieben Bogen, deren mittlerer eine Spannweite von 36,5 m hat. Die alte, 1739–50 von einem Schweizer erbaute Brücke, die zweite Londons, fiel ihr zum Opfer. Unter den obern Brücken ist die Chelsea-Hängebrücke oder Viktoriabrücke, 1857–58 erbaut, wohl die wichtigste. Sie ist 289,9 m lang, und die beiden Öffnungen sind jede 105,8 m weit. Der einst für ein Wunderwerk der Welt gehaltene Themsetunnel (1825–43 erbaut, 396 m lang, 4,2 m breit und 4,8 m hoch) wird seit 1865 von einer Eisenbahn durchfahren. Der 1870 beim Tower erbaute kleinere Tunnel (subway) für Personenverkehr wurde 1897 geschlossen. Dagegen wurde 1892–97 zwischen Blackwall und Ost-Greenwich der Blackwall-Tunnel für Fußgänger und Wagen errichtet; er ist 1362 m, mit den Zufahrten 1893 m lang und besteht aus einer gußeisernen Röhre von 81/4 m äußerm Durchmesser, die innen mit Zement und glasierten Ziegeln bekleidet ist. Endlich bestehen zwei Tunnels für elektrische Bahnen seit 1890, bez. 1893 oberhalb der London- und der Blackfriars-Brücke.

[Straßen.] Von den ungefähr 11,000 Straßen Londons, in einer Gesamtlänge von 3300 km, können nur wenige in architektonischer Beziehung Anspruch auf Schönheit machen. Die Mehrzahl der Häuser ist aus Backsteinen ausgeführt, 2–3 Stockwerke hoch, zwei Fenster breit, ungetüncht und von Rauch geschwärzt. In den Geschäftsstraßen der City jedoch, in den wohlhabenden Stadtteilen des Westend und vielfach in den Vorstädten gestalten sich diese Verhältnisse günstiger, und namentlich in jüngster Zeit sind zahlreiche Bauten entstanden, die jeder Stadt zur Zierde gereichen würden. Unter sämtlichen Verkehrsadern Londons ist die ausgedehnte Straßenreihe, welche die Bank mit Westminster verbindet, die wichtigste und auch wohl die älteste. Als Cheapside (»Kaufstraße«) erstreckt sie sich von der Bank bis zur Paulskathedrale, nimmt dann den Namen Ludgate Hill an und geht an der Stelle des alten Ludtors in Fleet Street über. Bei Temple Bar, dem ehemaligen Stadttor, an dessen Stelle ein Denkmal getreten ist, verlassen wir das Gebiet der City. Der Strand, mit zahlreichen Theatern, Speisewirtschaften und Kaufläden, bringt uns nach dem Trafalgar Square und Charing Croß, von wo die breite, Whitehall genannte und fast ganz von Regierungsgebäuden besetzte Straße nach den Parlamentsgebäuden führt. Abermals von der Bank ausgehend, bringt uns die Queen Victoria Street mit ihren stattlichen Geschäftshäusern auf das Victoria Embankment, einen auf der Nordseite der Themse von der Blackfriars-Brücke bis Westminster führenden Damm (1864–70 ausgeführt), der teilweise mit Anlagen geziert ist. Die von Bäumen beschattete Northumberland Avenue verbindet das Victoria Embankment mit Charing Croß. Eine dritte Straßenreihe geht von der Paulskathedrale aus. Sie überschreitet auf hohem Viadukt das Tal des ehemaligen Flüßchens Fleet und setzt sich als Holborn und Oxford Street bis zum Hyde Park fort. Unter den andern Straßen, die von der Bank, dem Mittelpunkt der City, oder in der Nähe ihren Ausgangspunkt haben, sind zu erwähnen: Moorgate Street mit ihren Verlängerungen, der City Road etc., die nördlich von Oxford Street nach dem weiten Westen führt; die in nördlicher Richtung verlaufende Bishopsgate Street, die von der Untergrundbahn-Station Aldgate nach O. führende Whitechapel Road und King William Street, die zur Londonbrücke führt und jenseit derselben sowohl in südlicher als in südöstlicher Richtung ihre Fortsetzung findet. Unter den von N. nach S. verlaufenden Straßen ist Regent Street die bedeutendste und überhaupt eine der schönsten in L. Sie wurde seit 1813 nach dem Entwurf von Nash nach einheitlichem Plan ausgeführt und verbindet Waterloo Place, wo die Denksäule des Herzogs von York steht, mit Portland Place, die zum Regent's Park führt, und durchschneidet Oxford Street sowohl als Piccadilly und Pall Mall. Die neuern Straßendurchbrüche erleichtern zwar den Verkehr, verschönern aber keineswegs die Stadt in dem gehofften Maß.

[Squares, Parke.] Zahlreiche mit Gartenanlagen versehene Squares gereichen L. zur besondern Zierde. Die Mehrzahl derselben ist Privateigentum und nur den Umwohnern zugänglich. Einige jedoch, wie der mit einem Denkmal Shakespeares geschmückte Leicester Square, Soho Square und der bei den Parlamentsgebäuden und der Westminsterabtei gelegene Parliament Square, stehen dem Publikum offen. Die bereits 1619 vom berühmten Architekten Inigo Jones angelegten Lincoln's Inn Fields, Eaton Square, der aristokratische Belgrave Square und Russell Square sind die bedeutendsten unter diesen offenen Stellen im Londoner Häusermeer. Trafalgar Square hat keinen Baumwuchs, aber Springbrunnen, eine Nelsonsäule und andre Denkmäler. Smithfield (eigentlich Smoothfield, »ebenes Feld«) in der City ist historisch merkwürdig als alter Turnierplatz und Hinrichtungsstätte und enthält jetzt die Zentralmarkthalle. Nächst den Squares sind es die großen öffentlichen Parke, deren frisches Grün das Auge erquickt, und die teilweise im Innern der Stadt liegen. Sämtliche 48 Parke und öffentliche Gärten von L. umfassen einen Flächenraum von 2084 Hektar. Den vornehmsten Rang unter ihnen nimmt die zusammenhängende Reihe des Westend Park ein, die sich von der Nähe der Charing Croß ununterbrochen bis nach Kensington erstreckt und ein Areal von 319 Hektar hat. Dazu gehören St. James'Park mit der nach einem Ballspiel genannten Allee »The Mall«, Green Park, Hyde Park (157 Hektar) und die mit prächtigem Baumwuchs gezierten Kensington Gardens (92 Hektar). Am Hyde Park Corner, wo Green und Hyde Park zusammenstoßen, steht eine Reiterstatue Wellingtons und nördlich davon die sogen. Achillesstatue (zu Ehren Wellingtons), ferner am Südrande der Kensington Gardens, an der Stelle, welche das 1851er Ausstellungsgebäude einnahm, ein großartiges Denkmal des Prinzen Albert (Albert Memorial). Der Hyde Park ist Sammelplatz der vornehmen Welt, der hier in der Rotten Row (route du roi) eine vorzügliche Reitbahn, in der Ladies' Mile oder dem Ring eine schöne Fahrbahn geboten wird. Regent ' s Park (191 Hektar) mit dem anstoßenden Primrose Hill Park (28 Hektar) dehnt sich nördlich vom Hyde Park aus, und in noch größerer Entfernung vom Westend liegen Finsbury Park (47 Hektar), Victoria Park (117 Hektar) und West Ham Park (32 Hektar), letzterer im fernsten Osten. Auf dem südlichen Ufer liegen Battersea Park (101 Hektar), Kennington Park (10 Hektar), Southwark Park (25,5 Hektar), Vauxhall Park, Dulwich Park (30 Hektar) und Greenwich Park (70,3 Hektar). Diesen eigentlichen Parken schließt sich eine stattliche Reihe von Commons (Gemeindeweiden) an, unter denen Hampstead Heath im N., Clapham Common im SO. und Blackheath (»die schwarze Heide«) bei Greenwich die bedeutendsten sind. In sämtlichen Parken findet man Spiel- und Turnplätze, und auch für das Baden sind in einigen unter ihnen Vorrichtungen getroffen. Sie wirken außerdem belehrend durch die in ihnen gepflegten ausländischen, stets mit Namen versehenen Gewächse. Mehrmals wöchentlich (auch Sonntags) spielt in ihnen eins der städtischen Musikkorps. Unter den großen Friedhöfen zeichnen sich diejenigen von Highgate, Kensal Green, Brompton und Norwood durch schöne Anlagen und sehenswerte Denkmäler aus. Die alten Kirchhöfe sind teilweise in Gärten umgewandelt worden.

[Denkmäler.] Von den ca. 90 im Freien aufgestellten öffentlichen Denkmälern sind nur wenige von hervorragend künstlerischem Wert. Von ihnen verherrlichen 26 Mitglieder des königlichen Hauses, 17 Kriegshelden oder kriegerische Ereignisse, 18 Staatsmänner, 7 Schriftsteller, 5 Gelehrte, 2 Maler, 4 Philanthropen etc. Unter allen diesen Denkmälern nimmt das des Prinzen Albert im Hyde Park (nach dem Entwurf des Architekten G. Scott), ein insgesamt 53 m hoher Bau mit 4,5 m hoher Statue des Prinzen und vielen andern Marmor- und Bronzestatuen, den vornehmsten Rang ein. Außerdem verdienen Beachtung die 44 m hohe Nelsonsäule auf dem Trafalgar Square (von 1843), die schwerfällige, 38 m hohe Säule mit dem Standbild eines Herzogs von York auf dem Waterloo Place (von 1833), die 1671–77 nach Wrens Entwurf zur Erinnerung an den »großen Brand« von 1666 errichtete Säule in der City, der auf dem Victoria Embankment aufgestellte 21 m hohe ägyptische Obelisk (Kleopatras Nadel) und die zur Erinnerung an im Krimkriege gefallene frühere Schüler errichtete 19 m hohe Westminster Säule im W. der Abtei. Unter den bedeutenden Männern, die L. durch Denkmäler geehrt hat, sind die Dichter Shakespeare und Byron, die Schauspielerin Mrs. Sarah Siddons, die Gelehrten Newton, Hunter, Sloane, Jenner, Watt und Wilh. Siemens, die Schriftsteller Carlyle und Mill, die Maler Hogarth und Reynolds, die Ingenieure Stephenson und Brunel, der Gärtner Paxton, die Staatsmänner Cromwell, Canning, Pitt, Fox, Peel, Palmerston, Derby, Beaconsfield, Cobden und Lord Lawrence, der Philanthrop Peabody, der Nordpolfahrer Franklin, die Kriegshelden Nelson, Wellington, Lord Clyde, Napier, Havelock, Outram und Gordon zu nennen.

Kirchliche Bauwerke.

Zur Zeit der Reformation war L. reich an Kirchen und Klöstern, doch Heinrich VIII. räumte gewaltig unter den letztern auf. Der »große Brand« von 1666 zerstörte 85 Kirchen, von denen nur 49 von Wren wieder aufgebaut wurden, so daß jetzt nur 25 Kirchen und Kapellen in ganz L. zu finden sind, die aus der Zeit der Reformation stammen. Unter allen diesen Kirchen steht die Westminsterabtei obenan (vgl. Stanley, Historical memorials of Westminster Abbey, 5. Aufl. 1882). Sie ist in Gestalt eines lateinischen Kreuzes gebaut, 156 m lang, im Querschiff 61,86 m breit und im Hauptschiff 31,1 m hoch. Von dem Turm, der sich am Kreuzungspunkte der Schiffe erheben sollte, besteht nur der Unterbau. Chor und Querschiff wurden an Stelle einer ältern Kirche 1245 bis 1269 errichtet, ein Teil des Langschiffes wurde 1307 vollendet; aber die westliche, von zwei 68,6 m hohen Türmen eingefaßte Fassade wurde erst 1483–1509 in Tudorgotischem Stil erbaut, und die Türme wurden 1722–40 von Wren und Hawkesmore in verdorbenem Geschmack vollendet. Die Verhältnisse des Innern sind großartig; die Höhe der Schiffe, Fenster und andrer Teile des Baues beträgt stets das Dreifache der Breite. Hinter dem Altar liegt die Kapelle Eduards des Bekenners, mit dem 1269 vollendeten Holzschrein dieses Heiligen. Das Chor umgibt ein Kapellenkranz, und östlich schließt sich an diesen die 1503–22 im reichsten gotischen Stil erbaute Kapelle Heinichs VII. an, deren fächerartig gewölbte Decke ein Meisterwerk der Baukunst ist. Im Hauptschiff dieser Kapelle befindet sich das Grabmal des Königs und seiner Gemahlin Elisabeth von York, von einem zierlichen Bronzegitter umgeben, in der einen Seitenkapelle das der Maria Stuart, in der andern das ihrer Gegnerin Elisabeth. Die Zahl der im Innern der Kirche aufgestellten Denkmäler ist ungemein groß. Im sogen. Dichterwinkel hat man den größten englischen Dichtern, von Chaucer bis auf unsre Zeiten, Denkmäler errichtet (nur Byron nicht). Die an die Kirche angebauten Kreuzgänge sind sorgfältig wiederhergestellt worden. Einige alte Gewölbe, darunter die Kammer der Pyx (wo in einer altmodischen Kiste Proben aller in England geprägten Münzen aufbewahrt werden) aus der Zeit Eduards des Bekenners, stoßen an diese an, und ein Gang führt von ihnen in das achteckige, 1250 erbaute Kapitelhaus. Im SW. der Abtei wird zur Erinnerung an das Jubiläum der Königin Viktoria ein Church House gebaut, ein für kirchliche Zwecke bestimmter Gebäudekomplex, von dem 1896 die Great Hall vollendet wurde. Nächst der Westminsterabtei ist die St. Paulskathedrale die berühmteste Kirche Londons. Sie steht an Stelle der gotischen Kathedrale, die 1666 ein Raub der Flammen wurde, und ist 1675–1710 nach den Entwürfen Wrens erbaut worden, als dessen Meisterwerk sie gilt. Die Baukosten beliefen sich auf 747,954 Pfd. Sterl., doch ist die Ausschmückung der Kuppel erst 1894 vollendet. Die Kirche ist in Gestalt eines Kreuzes erbaut, 152,4 m lang, 36 m breit, das Querschiff 76 m lang; sie wird von einer doppelten Kuppel überragt, die 32,9 m im Durchmesser hat. Die Spitze des Kreuzes auf der die Laterne überragenden Kugel erreicht eine Höhe von 111,25 m. Eine Freitreppe von 22 Marmorstufen an der Westfassade führt zu einer 36,5 m breiten, 15,25 m hohen Säulenhalle von 6 Säulenpaaren korinthischen Stils, über der 4 Paar Säulen gemischten Stils, 12,2 m hoch, einen zweiten Stock bilden. An beiden Seiten begrenzen 67,7 m hohe Glockentürme (im südlichen hängt die größte Glocke Englands, »Great Paul«) diesen doppelten Portikus. Im Innern hat man berühmten Engländern Denkmäler aufgestellt, und in der Krypte liegen unter andern begraben Nelson, Wellington und der Erbauer der Kathedrale. Von den übrigen Kirchen sind noch hervorzuheben: St. Bartholomew's in West-Smithfield, mit Chor und Kreuzschiff aus dem 12. Jahrh. und frühenglischem Portal, 1865 und 1886 restauriert; die Rundkirche der Tempelherren (s. unten); St. Saviour's in Southwark, mit Chor und Querschiff aus dem 13. Jahrh., 1890 bis 1896 restauriert, eins der bemerkenswertesten Beispiele des frühenglischen Stils; die 1354 erbaute Kirche in Austin Friars, die 1550 der niederländischen Gemeinde geschenkt wurde; die St. Helenenkirche aus dem 13.–15. Jahrh., 1893 restauriert; die Kirche St. Giles (im 14. Jahrh. erbaut, aber durch Feuer beschädigt) mit dem Grabe Miltons. Unter den kleinern Kirchen, die Wren erbaute, verdienen St. Mary le Bow, gewöhnlich Bow (Bogen) Church genannt, mit zierlichem, 71,5 m hohem Turm und normannischer Krypte, St. Bride's in Fleet Street und St. Dunstan's im O. Beachtung. Inigo Jones erbaute die Paulskirche im Covent Garden (1645), Gibbs die Kirche St. Martin in the Fields am Trafalgar Square (1721–26), Shaw die zierliche St. Dunstanskirche im W. (1830–33), A. W. Pugin die kath. Kathedrale des heil. Georg in Lambeth (1840 bis 1848), Gilbert Scott in jüngerer Zeit die Pfarrkirchen von Camberwell und Kensington. Die St. Pancraskirche (von 1819) ist dem Erechtheum in Athen nachgebildet. Unter den zahlreichen Kirchen der Dissidenten sind nur wenige, die als Werke der Baukunst Beachtung verdienen, wie die Apostolische Kirche im frühgotischen Stil in Gordon Square. Wegen seiner Größe und innern Einrichtung (mit Bühne anstatt der Kanzel) war das vom Geistlichen Spurgeon erbaute Tabernakel bemerkenswert; es ist nach dem Brande von 1898 in kleinerm Maßstab wieder aufgebaut. Überhaupt gibt es in L. 1269 größere dem Gottesdienst geweihte Gebäude, wovon 590 den Anglikanern, 586 den Dissidenten, 73 den Katholiken und 21 den Juden gehören.

Öffentliche Bauwerke, Paläste etc.

An großartigen öffentlichen Bauten ist L. zwar nicht gerade arm, aber bei der Zerstreuung derselben über die ganze Stadt fallen sie weniger in die Augen. Als architektonischer Glanzpunkt kann eigentlich nur der vom Parlamentsgebäude und der Westminsterabtei überschaute Parliament Square gelten. Seit Wilhelm dem Eroberer ist L. Landeshauptstadt, kann aber trotzdem keinen des Reiches würdigen königlichen Palast aufweisen. Der Tower, den, Wilhelm als Palast und Zwingburg baute, und der später als Staatsgefängnis diente, ist jetzt Kaserne und Arsenal (s. unten). Von dem von J. Jones vorgeschlagenen Prachtbau an Stelle des durch Feuer zerstörten Palastes von Whitehall ist nur die Banketthalle vollendet, in der die Sammlungen des Royal United Service Museum untergebracht sind. St. James'Palace, die älteste königliche Residenz Londons, stammt teilweise aus der Zeit Heinrichs VII., ist aber in architektonischer Beziehung ohne alle Bedeutung. Die wichtigern Hofzeremonien finden in demselben statt; aber der König bewohnt den benachbarten Buckingham Palace, ein 1703 vom Herzog von Buckingham erbautes und 1825 umgestaltetes und erweitertes Gebäude mit hübscher Fassade. in deutscher Renaissance (von Blore, 1846). Das Innere enthält einige geschmackvolle Räumlichkeiten, darunter den mit scharlachrotem Atlas behangenen Thronsaal und den 1856 vollendeten Ballsaal sowie eine wertvolle Sammlung von Gemälden und Skulpturen. Marlborough House, 1709–10 von Wren für den Herzog von Marlborough erbaut, steht neben dem St. James' Palace und ist Stadtresidenz des Prinzen von Wales. Kensington Palace, aus der Zeit Wilhelms III. stammend, wird von einigen Mitgliedern der königlichen Familie bewohnt. Die Wohnsitze des hohen Adels zeichnen sich weniger durch prachtvolle äußere Ausstattung als durch behagliche Einrichtung des Innern und ihren Gehalt an wertvollen Kunstschätzen aus. Der ehrwürdigste unter ihnen ist Lambeth Palace, die Stadtresidenz des Erzbischofs von Canterbury, am rechten Themseufer, oberhalb der Parlamentsgebäude. Die 1244–70 erbaute Kapelle ist der älteste Teil desselben, und der sogen. Lollardturm, in dem die Lollarden oder Wiclifiten gefangen gehalten wurden, stammt aus dem 15. Jahrh. Stafford House am St. James' Park, Sitz des Herzogs von Sutherland, Bridgewater House (Earl von Ellesmere) am Green Park, Apsley House (Herzog von Wellington) am Hyde Park Corner, Grosvenor House (Herzog von Westminster), östlich vom Hyde Park, Lansdowne House am Berkeley Square und Hertford House am Manchester Square mit der schönen Wallace-Sammlung, die 1897 dem Staate vermacht wurde, sind wohl die beachtenswertesten unter ihnen und enthalten sämtlich wertvolle Kunstschätze. Holland House, im W. der Kensington Gardens, jetzt dem Lord Ilchester gehörig, ist durch historische Erinnerungen interessant. Northumberland und Burlington House bestehen nicht mehr; aber in der City kann der Wißbegierige noch einen Einblick in einen aus dem 15. Jahrh. stammenden Palast im gotischen Stil gewinnen (Crosby Hall), der jetzt als Speisewirtschaft dient.

Unter den Staatsgebäuden steht obenan der neue Palast von Westminster oder das Parlamentsgebäude, an Stelle des 1834 durch Feuer zerstörten alten Palastes errichtet und jedenfalls der größte gotische Bau der Neuzeit. Erbauer des Palastes war Charles Barry. Der Bau begann 1837, und das Äußere wurde 1868 mit einem Kostenaufwand von fast 3 Mill. Pfd. Sterl. vollendet. Der gewaltige Bau bedeckt einen Flächenraum von 3,24 Hektar und enthält 11 Höfe und 1100 Räume, teilweise von großartigen Verhältnissen. Die dem Fluß zugewandte, 275 m lange Hauptfassade ist mit den Statuen der englischen Herrscher von Wilhelm dem Eroberer bis Viktoria geschmückt, jedoch ziemlich einförmig; schöner ist die westliche Fassade, weil sie reichere Abwechselung bietet. An der nordwestlichen Ecke steht der viereckige, 97,5 m hohe Glockenturm mit der 140 dz schweren Stephansglocke. In der Mitte des Gebäudes erhebt sich der 91 m hohe, zierliche Mittelturm und an seiner südwestlichen Ecke der bis zu den Zinnen 102,4 m hohe Viktoriaturm mit 19,8 m hohem Portal, durch das der König bei Eröffnung des Parlaments einfährt. Die 1397–99 erbaute Westminster Hall ist dem Parlamentsgebäude einverleibt worden. Sie ist 73,2 m lang, 20,5 m breit, 28 m hoch und hat ein vielbewundertes Holzdach. Eine Treppe führt von ihr hinab in die unterirdische St. Stephanskapelle, einen Rest des alten Palastes, 1290–1345 erbaut und in jüngster Zeit glänzend restauriert. Das Innere des Gebäudes durch Westminster Hall betretend, gelangen wir zuerst in die St. Stephen's Hall, in der die Bildsäulen von zwölf berühmten Parlamentsmitgliedern aufgestellt sind, und die reichverzierte achteckige Central Hall, 18,28 m im Durchmesser und 24 m hoch. Zur Linken derselben liegt das geschäftsmäßig eingerichtete Haus der Gemeinen (das indes nicht sämtliche Mitglied er zu fassen vermag), zur Rechten das prunkvoll ausgestattete Haus der Lords. Hinter letzterm liegt eine Reihe von Räumen, die der König bei Eröffnung des Parlaments durchschreitet. Im Prinzengemach steht eine Bildsäule der Königin Viktoria (von J. Gibson); in der nächstliegenden Royal Gallery befinden sich die berühmten Fresken von D. Maclise, den Tod Nelsons und das Zusammentreffen Wellingtons mit Blücher bei Waterloo darstellend. Überhaupt ist sowohl das Äußere als das Innere des Gebäudes mit Werken der Bildhauerkunst und Skulpturen überreich verziert. Die breite Straße Whitehall ist dazu bestimmt, Mittelpunkt der Regierungsämter zu werden. 1868–73 ist dort ein gewaltiger Bau (Public Offices) im italienischen Stil nach Plänen von G. G. Scott entstanden, in dem die Ministerien des Innern, der Kolonien, Indiens und der auswärtigen Angelegenheiten ein würdiges Unterkommen gefunden haben, während südlich davon eine Reihe von andern Regierungsbauten seit 1900 errichtet wird. Die Fassade der Public Offices ist 96,7 m lang, und das Gebäude erstreckt sich bis zum St. James' Park. Sein Äußeres sowohl als die Höfe sind mit Skulpturen reich verziert. Die vielgenannte Downing Street trennt diesen Bau von dem Schatzkammeramt (Treasury buildings), das die Bureaus des ersten Ministers (Lord High Treasurer), des Unterrichtsministeriums und des Geheimen Rates enthält. Die von Barry 1846–47 einem häßlichen alten Gebäude angepaßte Fassade hat eine Länge von 90 m. Hinter demselben liegt das unansehnliche Finanzministerium, dem der Chancellor of the Exchequer vorsteht. Weiter in der Straße fortschreitend, erreichen wir die »Horse Guards«, zwei Schildwachen zu Pferde, beim Amtslokal des Oberbefehlshabers der Armee, einem unansehnlichen Bau (mit Uhrturm) von 1753. Gegenüber ist das neue Kriegsministerium nach Plänen von Young errichtet. Am Strand, bei der Waterloobrücke, liegt Somerset House, das Meisterwerk Sir W. Chambers', 1776–86 im Stil Palladios erbaut und 1828, bez. 1856 durch zwei Flügel erweitert, mit 240 m langer Fassade nach der Themse hin und schönem Hof mit dem Denkmal Georgs III. (von Bacon). In ihm befinden sich die Oberrechenkammer, das Standes- und das Steueramt. Die Record Office (Staatsarchiv), ein 1851–66 und 1891–96 feuerfest ausgeführter gotischer Bau mit dickem viereckigen Turm, liegt versteckt in einer Hintergasse bei Fleet Street. Das von Smirke 1825–29 errichtete Hauptpostamt (General Post Office East) liegt bei der St. Paulskirche und hat eine 120 m lange Fassade mit ionischem Portikus. Ihm gegenüber steht die 1870–73 errichtete General Post Office West mit dem Zentraltelegraphenamt. Nördlich vom erstgenannten ist ein drittes General Post Office North 1890–95 für die oberste Postbehörde errichtet worden. Trinity House (1793–95 erbaut), Sitz der mit dem Lotsenwesen und den Leuchttürmen betrauten Behörde, und die königliche Münze (1811 erbaut, 1881–82 bedeutend vergrößert) befinden sich an der Ostseite von Tower Hill. Unter den städtischen Gebäuden sind hervorzuheben die Guildhall oder das Rathaus, 1411–31 erbaut, aber später vielfach restauriert. Die große Halle, in der die städtischen Festlichkeiten stattfinden, ist 46,6 m lang, 15,2 m breit, 16,8 m hoch und enthält auch einige Denkmäler; Gänge führen von ihr in die städtische Bibliothek und das Museum (1870–73 erbaut) sowie in einige der städtischen Gerichtshöfe. Das Mansion House, die Amtswohnung des Lord-Mayors, ward 1739–52 von Dance ausgeführt und hat einen korinthischen Portikus von sechs Säulen. Unter seinen Räumen ist die sogen. Ägyptische Halle der bedeutendste. Ihm gegenüber liegen die 1842–44 erbaute Börse (Royal Exchange) mit stattlichem korinthischen Portikus und die hinter einer ornamentalen Mauer versteckte Bank von England.

Die obersten Gerichtshöfe des Landes tagen seit 1882 in dem nach den Plänen Streets errichteten ziemlich schwerfälligen, gotischen Bau, der nach dem Strand zu eine Fassade von 152 m hat, so recht in der Mitte des Advokatenviertels und seiner Inns of Court. Diese Inns sind Eigentum der vier großen Advokateninnungen, die sie durch Kauf oder Schenkung erworben haben. Die vornehmste der Inns, der Temple, war 1184–1313 im Besitz der Tempelherren und bis 1346 der Johanniter. Außer zahlreichen Wohnhäusern befinden sich im Umkreis des von Fleet Street bis zur Themse reichenden innern und mittlern Temple (einen äußern Temple gibt es nicht mehr) eine 1185 in normannischem Stil erbaute Rundkirche (1842 restauriert) mit im 13. Jahrh. angefügtem frühenglischen Chor, die zwei »Hallen« oder gemeinschaftlichen Versammlungslokale und eine 1861 errichtete Bibliothek. Lincoln's Inn hat eine von Inigo Jones 1621–23 erbaute Kapelle und eine prächtige, im Tudorstil 1845 ausgeführte Halle mit daranstoßender Bibliothek. Noch weiter nach N. hin, jenseit Holborn, liegt Gray's Inn mit 1560 erbauter Kapelle, früher Klostereigentum, aber von Heinrich VIII. den Rechtsgelehrten überlassen.

L. hat zwar nur wenige große Kasernen (die ganze Garnison, einschließlich Woolwich, besteht nur aus 5 Bataillonen Infanterie, 2 Regimentern Gardereiterei und 12 Batterien, zusammen [1901] 10,058 Mann, darunter 151 Offiziere), besitzt aber trotzdem einige Militärbauten von hohem Interesse. Unter ihnen ist der ehrwürdige Tower unterhalb der City, am Themseufer, am merkwürdigsten. Derselbe bedeckt eine Oberfläche von 5,5 Hektar, ist von einem tiefen, jetzt trocknen Graben umschlossen und hat in der Geschichte Englands als Festung, Gefängnis, Schatzkammer, Zeughaus und königliche Residenz eine merkwürdige Rolle gespielt (vgl. Dixon, Der Tower von L., deutsch, Berl. 1870, 2 Bde.). Der »weiste Turm« in der Mitte ist der älteste Teil und wurde 1078 von Wilhelm dem Eroberer gebaut. Er enthält eine normannische Kapelle und einen geschmackvoll geordneten Vorrat von 60,000 Gewehren. An ihn schließt sich eine wertvolle und gut geordnete Waffensammlung an. Unter den andern Türmen sind historisch merkwürdig: der Beauchamp Tower, im 13. Jahrh. erbaut, in dem die beiden Grafen Warwick bis zu ihrem Tode gefangen saßen; der Bloody Tower, in dem die Kinder Eduards IV. ermordet wurden; der Brick Tower, welcher der Jane Gray als Gefängnis diente; der Record Tower, der früher das königliche Archiv enthielt, und in dem jetzt ein Teil der Kronjuwelen aufbewahrt wird. Die königlichen Gemächer, in denen Anna Boleyn bis zu ihrem Tode wohnte, wurden 1688 abgebrochen. Die neue Kaserne steht an Stelle des alten Zeughauses. Auf dem innern Hofraum fielen die Köpfe zweier Gemahlinnen Heinrichs VIII. (Anna Boleyn und Katharina Howard), der Königin Jane Gray und des Grafen Essex. Sie sowohl als die 1389 bis 1746 auf dem Towerhügel gerichteten »Hochverräter« haben in der unansehnlichen Kirche St. Peter ad Vincula (1272–1307 erbaut, 1877 wiederhergestellt) ihre letzte Ruhestätte gefunden. Das von Karl II. gestiftete, von Wren erbaute Chelsea Hospital ist ein Invalidenhaus für Soldaten. Greenwich Hospital ist der neugegründeten Marineakademie überlassen worden (s. Greenwich).

Unter den Gebäuden, die der Kunst und Wissenschaft dienen, gebührt auch architektonisch dem Britischen Museum (s. d.) der vornehmste Rang. Während die Nationalgalerie in einem äußerlich unansehnlichen, 1832–38 errichteten, später erweiterten Gebäude untergebracht ist, wurde für die 1856 gegründete Sammlung von berühmten Männern und Frauen Englands (National Portrait Gallery) 1890 bis 1896 ein stattliches Gebäude im italienischen Renaissancestil errichtet. Zwischen Lambeth- und Vauxhallbrücke liegt an der Stelle des frühern Zellengefängnisses die von Sir Henry Tate der Nation geschenkte National Gallery of British Art; sie ist 1897 von Sidney R. J. Smith im klassischen Stil erbaut. Bemerkenswert ist auch das seit 1854 vom Staat erbaute Neue Burlingtonhaus, in dem die Royal Society und andre gelehrte Gesellschaften ihren Sitz haben. Der Hauptbau, in italienischem Geschmack, liegt an Piccadilly. Ein hoher Torweg führt in den Hof, dessen Hintergrund das Haus der königlichen Akademie der Künste einnimmt. Nördlich davon liegt der Palast der Londoner Universität, 1869–72 im Renaissancestil erbaut, mit zahlreichen Statuen. Ferner verdienen Erwähnung das Museum in South Kensington (s. Kensington-Museum), das ebendort 1873–80 im romanischen Stil von Waterhouse erbaute Naturgeschichtliche Museum und das Imperial Institute (s. Kensington). Unter den großen Bahnhöfen gebührt die Palme der St. Pancras Station, deren gewölbtes Dach einen Raum von 213 m Länge bei 73 m Breite bedeckt. Unter den Theatern ist nur ein einziger monumentaler Bau, nämlich Covent Garden, der aber einen Vergleich mit ähnlichen Anstalten auf dem Kontinent kaum zuläßt. Bemerkenswert ist hingegen die 1867–71 errichtete Alberthalle (Royal Albert Hall) im Hyde Park, eirund, 83 m lang, 72 m breit und mit Sitzplätzen (ohne die Galerie) für 5266 Zuschauer nebst Orchester und Chor von 1000 Personen. Der Kristallpalast in Sydenham (s. Sydenham) ist ein Gebäude, dem keine andre Stadt Ähnliches an die Seite zu stellen hat. Beachtung verdienen ferner: St. Thomas' Hospital (1868–71 erbaut), an der Themse, dem Parlamentsgebäude gegenüber; das Bethlehem Hospital (Bedlam), aus dem Mittelalter stammend, aber 1812 neu erbaut, mit weithin sichtbarer Kuppel; mehrere große Hotels (Metropole, Savoy, Cecil, Holborn Viaduct, Midland Grand Hotel, Claridge's u.a.) und Restaurants (Criterion, Holborn) und viele Klubhäuser. Unter letztern ist das des National Liberal Club (1887) am Themsedamm das größte, wird aber in architektonischer Beziehung von den Prachtbauten in Pall Mall in den Schatten gestellt.

Wasser, Licht, Kanalisation. Verkehrsanstalten.

L. und die nächste Umgebung wird durch acht Gesellschaften, die über ein Aktienkapital von 19,7 Mill. Pfd. Sterl. verfügen, mit Wasser versorgt (täglich 1501 auf 1 Person). 60 Proz. alles Wassers wird der obern Themse entnommen, der Rest aus dem Tal des Lea und der Grafschaft Kent; die erste Wasserleitung wurde 1606 unter Leitung H. Myddletons angelegt. 1902 wurde ein Metropolitan Water Board errichtet, das den Ankauf der Wasserwerke herbeiführen soll. Gasbeleuchtung ist seit 1812 eingeführt. Die 16 jetzt bestehenden Gasgesellschaften, darunter 3 große, liefern jährlich 1000 Mill. cbm Gas. Das elektrische Licht ist seit 1878 eingeführt und findet immer mehr Verwendung. Die Abfuhr des Unrats geschieht durch ein großartiges, 1859–75 mit einem Aufwand von 4,5 Mill. Pfd. Sterl. hergestelltes System von Abzugskanälen (sewers). Dieselben haben eine Länge von 4000 km und führen den Unrat nach zwei unterhalb der Londonbrücke bei Barking und Croßneß liegenden Reservoirs, von wo er durch Dampfmaschinen bei der Ebbe in die Themse gepumpt wird. Das Wegschwemmen der flüssigen Bestandteile überläßt man der Flut, während die festen Stoffe (über 2 Mill. Ton. jährlich) durch Dampfer ins Meer geschafft werden.

Die großen Eisenbahngesellschaften haben ihre Bahnhöfe entweder im Innern der Stadt selbst oder sind mit demselben durch teilweise unterirdische Bahnen verbunden. Von den 17 Hauptbahnhöfen sind namentlich großartig die beim Charing Croß, in der Cannon Street und beim King's Croß. Dem Verkehr auf dem linken Themseufer dienen wesentlich die Untergrundbahn zwischen Kensington und Aldgate, die einen innern Ring von 21 km Länge mit 27 Stationen bildet, und die 1900 eröffnete elektrische Londoner Zentral bahn, die in zwei parallelen Tunnels von Shepherds Bush nach der Bank führt, endlich die schon erwähnten elektrischen Untergrundbahnen (City and South Street und Waterloo and City E. R., 1890, bez. 1898 eröffnet). Eine Untergrundbahn zwischen Finsbury Park und Moorgate Street ist 1904 eröffnet und eine zwischen Baker Street und Waterloo Station im Bau. Ein wichtiges Verkehrsmittel sind die Straßenbahnen, teilweise schon mit elektrischem Betrieb, die in allen Stadtteilen außer der City und dem vornehmsten Teil des Westend verkehren und eine Verbindung mit den entlegenern Vororten herstellen. Ferner sind 2200 Omnibusse und 11,000 Droschken (darunter 7000 zweiräderige Hansoms) konzessioniert. Kleine Dampfer befahren die Themse. 1904 wurden durch die Straßenbahnen 156,8 Mill. und durch die beiden Omnibusgesellschaften 289 Mill. Personen befördert. Näheres s. im Artikel »Stadtbahnen« mit Tafel (Karte von L.).

Bevölkerungsverhältnisse.

Seiner Einwohnerzahl nach ist L. die bevölkertste Stadt der Erde, selbst innerhalb der Grenzen, die 1888 für die Grafschaft L. gewählt sind (303 qkm mit [1901] 4,536,541 Einw.). Nun liegen aber jenseit dieser Grenzen und namentlich im O. des Lea (West Ham) ganz bedeutende Stadtteile, die innig mit L. verwachsen sind, und auch viele der weiter entfernten Vorstädte und Städte können füglich als Teile der Metropole betrachtet werden, so daß »Groß-L.« (Greater L.) einschließlich der City und des hauptstädtischen Polizeibezirks, der außer der Grafschaft L. die Verwaltungsgrafschaft Middlesex und 39 Kirchspiele in Surrey, 19 in Kent, 15 in Essex und 16 in Hertfordshire umfaßt, ein Areal von 1794,4 qkm (32,6 QM.) bedeckt und (1901) 6,581,372 Einw. zählt. Die Bevölkerung hat namentlich seit Anfang des 19. Jahrh. rasch zugenommen. 1600 zählte L. erst 150,000 Einw., 1801: 959,310, 1821: 1,378,947, 1841: 1,948,417, 1861: 2,803,989, 1881: 3,834,194, 1891: 4,232,118 und 1901: 4,536,541 Einw. 1904 wurde sie auf 4,648,950 Seelen berechnet. Diese Zunahme verteilt sich indes sehr verschieden auf die einzelnen Stadtteile und gehört im wesentlichen der Peripherie an. In den Jahren 1891–1901 betrug die Zunahme für ganz L. 7,8 Proz. (im Zeitraum 1841–51 dagegen 21,2 Proz.); in der City und sechs der innern Metropolitan boroughs fand eine Abnahme um 67,000 Personen statt, obwohl der Geburtenüberschuß fast 70,000 Köpfe betrug. Diese Erscheinung ist schon seit 1851 beobachtet worden und erklärt sich daraus, daß in der innern Stadt Wohnhäuser mehr und mehr in Waren- und Geschäftshäuser umgewandelt werden und die Bevölkerung nach den äußern Stadtteilen und Vororten verzieht. Während in der Grafschaft L. die Zunahme im letzten Jahrzehnt nur 308,224 Personen betrug, erreichte sie in den Vorstädten, welche die eigentliche Metropole zum Polizeibezirk ergänzen, 639,342 Köpfe (45,5 Proz.), so daß »Groß-L.« seit 1891 eine Zunahme von 16,8 Proz. (in den beiden vorhergehenden Zählungsperioden 22,7, bez. 18,2 Proz.) aufzuweisen hat. In der City ist die Bevölkerung im Zeitraum 1891–1901 von 37,702 auf 26,923 Personen gesunken. Im Jahrzehnt 1891–1901 wurden in L. 390,079 Eheschließungen, 1,329,428 Geburten und 838,454 Todesfälle gemeldet, so daß der Geburtenüberschuß 490,974 Personen betrug. Da die Zunahme der Bevölkerung nur 308,224 Seelen betrug, so ergibt sich ein Verlust durch Auswanderung von 182,750 Seelen. Die Gesundheitsverhältnisse sind besser als in irgend einer andern Großstadt. Noch 1840–50 kamen auf 1000 Lebende jährlich 24,8 Todesfälle, 1891–1900 nur 19,2. Von der Gesamtbevölkerung kamen auf 1000 Männer 1118 Frauen. Den Altersklassen nach sind 1901: 29,93 Proz. unter 15 Jahre alt, 20,27 Proz. zählen 15–25 Jahre, 30,86 Proz. 25–45 Jahre, 14,84 Proz. 45–65 Jahre und 4,10 Proz. über 65 Jahre. Von über 20 Jahre alten Personen sind 61,8 Proz. der Männer und 53,3 Proz. der Frauen verheiratet, 5,7 Proz. der Männer und 13,4 Proz. der Frauen verwitwet.

Die Zusammensetzung der Bevölkerung ist sehr mannigfaltig. Von 1000 Bewohnern sind nur 664,9 in L. geboren, 265,0 stammen aus dem Rest von England und Wales, 12,5 sind geborne Schotten, 13,3 Irländer, 1,2 von den umliegenden Inseln, 7,3 aus britischen Kolonien und 35,4 Ausländer. Unter den 161,222 im Ausland Gebornen sind indes 25,843 Kinder britischer Eltern oder naturalisiert, so daß nur 135,377 wirkliche Ausländer (foreigners) verbleiben, und unter diesen zählt man 38,117 Russen, 27,427 Deutsche, 15,420 Polen, 11,264 Franzosen, 10,889 Italiener, 6189 Österreicher, 5561 aus den Vereinigten Staaten von Amerika, 4419 Schweizer, 4249 Niederländer, 2102 Belgier etc. Einschließlich ihrer naturalisierten Landsleute und der in England gebornen Kinder dürfte sich die deutsche Bevölkerung Londons (mit Deutschen, Schweizern und Österreichern) auf 44,000 Seelen belaufen, wovon 17,000 weiblichen Geschlechts. Die Deutschen hatten bereits im 10. Jahrh. in L. eine Kolonie. Die Hanseaten erhielten 1266 einen Freibrief; 1473 wurde ihnen ihr Stapelhof (steel-yard) gegen Zahlung einer Jahresmiete von 70 Pfd. Sterl. überlassen und blieb im Besitz der Hansestädte, bis er 1866 an eine Eisenbahngesellschaft verkauft wurde. Jetzt steht der Bahnhof in Cannon Street an dessen Stelle. Die Deutschen besitzen in L. 10 protestantische, eine Methodisten- und eine kath. Kirche (einschließlich einer Hofkapelle), mit denen mehrfach Volksschulen vereinigt sind, eine Synagoge, einen Klub (German Athenaeum), eine große Turnhalle, ein Hospital und ein Waisenhaus (Kaiser Wilhelm-Stiftung) in Dalston, einen Verein deutscher Lehrerinnen, Arbeiterklubs, Gesangvereine etc. Auch erscheinen zwei deutsche Wochenblätter. Dem Beruf nach sind unter den Deutschen am zahlreichsten vertreten: Kaufleute, Bäcker, Schneider, Dienstboten, Zuckersieder, Schuster, Uhrmacher, Tischler, Musiker, Kellner, Lehrer und Gouvernanten, Kürschner, Maler und Bildhauer, Ärzte, Schriftsteller etc.

Dem religiösen Bekenntnis nach gibt es in L. etwa 160,000 Katholiken, 550,000 protestantische Dissidenten und (1903) 106,550 Juden. Der Rest gehört der Staatskirche an oder kümmert sich nicht um Religion. Die Londoner Geistlichkeit setzt sich (1901) zusammen aus 2309 Geistlichen der Staatskirche, 912 andrer protestantischer Bekenntnisse, 372 römisch-katholischen, ferner 1074 männlichen und 1508 weiblichen Missionaren, Bibellesern etc., 21 Mönchen und 1326 Nonnen und Barmherzigen Schwestern.

Erwerbszweige.

Bei einer Großstadt von der Bedeutung Londons ist es von höchstem Interesse, einen Einblick in die Verteilung der Berufsarten zu gewinnen. Nach der Volkszählung von 1901 waren von den mehr als 10 Jahre alten Bewohnern Londons 31,57 Proz. im Gewerbe, 11,18 im Handel und Verkehr, 0,26 in Landwirtschaft und Fischerei beschäftigt, 10,61 Proz. waren Dienstboten, 5,27 Beamte, Militärs oder in gelehrten Berufen und 41,11 ohne Beschäftigung (von Männern 16,86 Proz., von Frauen 62,62 Proz.). Die Verteilung auf die einzelnen Berufsarten zeigt folgende Übersicht.

Tabelle

Die Wohnverhältnisse sind im allgemeinen günstig, denn bei (1901) 571,768 bewohnten Häusern kommen nur 7,93 Seelen auf ein Haus und 14,972 Einw. auf 1 qkm. Einzelne Stadtteile sind indes übervölkert. Obwohl im Durchschnitt auf ein Haus noch nicht zwei Wohnungen entfallen, so bestanden 1901 von den 1,019,546 Wohnungen Londons 149,524 (1891 noch 172,502) nur aus einem Zimmer, und dies wurde in 1802 (1891 noch 4097) Wohnungen von 6 oder mehr Personen bewohnt. Diesen Mißständen helfen die seit 1841 von Privaten und seit 1875 auch von der Stadt gebauten Arbeiterwohnungen allmählich ab.

Industrie und Handel.

Industrie. L. ist vorwiegend Handelsstadt, steht aber in gewissen Zweigen der Industrie an der Spitze aller Städte Englands. Seine Druckereien (37,249 Buchdrucker, darunter 2284 Frauen) gehören zu den größten der Welt; die Möbelschreinerei beschäftigt 35,324, der Maschinenbau 53,791, der Bau von Wagen, Fahrrädern und Motorwagen 12,169, der Schiffbau 3744, die Elektrizitätsindustrie 12,231, die Industrie in edlen Metallen u. Juwelen 9007 Personen. Es gibt 64,503 Schneider (davon 33,114 Frauen), 84,187 Arbeiter für Damenkleider und Putz (davon 79,986 Frauen), 32,577 Hemdenmacher, 30,673 Schuhmacher und 4568 Hutmacher. Musikalische, chirurgische und optische Instrumente, Uhren, Messerwaren, Sattler- und Lederwaren liefert L. in vorzüglicher Güte. Seine Gerbereien, Töpfereien, Zuckersiedereien, Zigarrenfabriken, chemischen, Handschuh-, Möbel-, Wagen-, Gewehr-, Glas- und Tapetenfabriken erfreuen sich des besten Rufes. Seine Bierbrauereien (3406 Arbeiter) liefern namentlich Porter (Schwarzbier), seine Brennereien Gin.

Handel. Wenn auch alle gewerblichen Anstalten zusammen 1,136,082 Menschen beschäftigen, so ist es doch der Handel, der L. seinen Charakter ausdrückt. Unter den Anstalten, welche die Bestimmung haben, denselben zu fördern, nimmt die 1694 gegründete Bank von England mit einem Stammkapital von 14,553,000 Pfd. Sterl. die erste Stelle ein (Weiteres s. Banken, S. 346). Neben der Bank von England bestehen etwa 250 Banken und Bankiers. Einer Anzahl derselben ist ein Ausgleichsamt (Clearinghouse) gemeinschaftlich, durch dessen Vermittelung die Wechsel und Kassenanweisungen umgetauscht werden. 1902 kamen hier 10,029 Mill. Pfd. Sterl. zur Verrechnung. Der Bank gegenüber steht die Börse (Royal Exchange, s. Tafel »Börsengebäude III«, Fig. 1 u. 2) mit Lloyd's Subscription Rooms, ein Mittelpunkt des Verkehrs für alle, die an der Reederei Interesse nehmen. Ferner gibt es in L. eine Aktienbörse (Stock Exchange), eine Kohlenbörse, Kornbörse, Hopfen- und Wollbörse. – In bezug auf den innern Verkehr ist noch der 14 Markthallen zu gedenken. Unter ihnen sind die von der City erbauten Hallen für Fleisch, Geflügel, Fische auf dem Smithfield, Billingsgate und Shadwell Market (für Fische) an der Themse, die Viehmärkte in Islington und bei Deptford an der Themse die wichtigsten; Covent Garden Market (für Gemüse und Blumen) liegt im Westend; bei Tattersall's südlich vom Hyde Park ist der Hauptpferdemarkt.

Hafen und Docks. Der Hafen Londons erstreckt sich von der Londonbrücke bis zur Themsemündung, und der der Brücke zunächst gelegene Teil ist als »the Pool« bekannt. Großartig sind die seit 1800 sämtlich von Aktiengesellschaften erbauten Docks auf beiden Themseufern, in denen etwa 15,000 Menschen beschäftigt sind. Sie erstrecken sich vom Tower, wo die Flut 5,3 m steigt, bis Tilbury, gegenüber Gravesend, und haben eine Wasserfläche von 300 Hektar nebst einem Areal von 550 Hektar für Warenhäuser und Gewölbe. Die ältesten und wichtigsten unter ihnen sind die London Docks, 1805 eröffnet, 40,5 Hektar groß und von großartigen Warenhäusern (namentlich für Tabak und Kolonialwaren) und Weinkellern umgeben. Die Katharinendocks (9,8 Hektar) liegen oberhalb dieser London Docks, die West India Docks (s. Tafel »Hafenanlagen«, Fig. 2), aus drei Docks bestehend (zusammen 98 Hektar), Millwall (40 Hektar), East India (30 Hektar), Victoria und Albert (255 Hektar) und Tilbury (238 Hektar) Docks unterhalb der erstgenannten. Auf dem jenseitigen Ufer der Themse liegen die Surrey Commercial Docks (140 Hektar). Die Aussicht über die Docks, den Hafen und die Themseschiffahrt führt ein Board (Thames Conservancy) von 38 Mitgliedern.

Schiffahrt und Seehandel. L. ist unstreitig der erste Seehafen Englands und somit der Welt. Nur Liverpool kann mit ihm einen Vergleich aushalten; der Tonnengehalt seiner Schiffe übertrifft sogar bedeutend (um 600,000 Ton.) jenen der Londoner Schiffe und der Wert seiner Ausfuhr aus den benachbarten Fabrikbezirken denjenigen der Ausfuhr Londons. Anderseits aber ist der Schiffsverkehr Londons infolge der stärkern Einfuhr und der großen Ausdehnung der Küstenschiffahrt reger, und der Wert der eingeführten Waren ist bedeutend höher. L. besaß 1903: 3190 Seeschiffe von 2,012,986 Ton. Gehalt, einschließlich von 1811 Dampfern (1853: 3365 Schiffe von nur 792,672 T. Gehalt). 1903 liefen 27,359 Schiffe von 17,075,313 T. Gehalt ein, darunter im Küstenhandel 15,687 Schiffe von 6,116,574 T., es liefen aus 27,769 Schiffe von 16,407,708 T., davon in der Küstenschiffahrt 19,182 Schiffe von 8,302,818 T. Der Tonnengehalt der beladenen Schiffe betrug im Eingang 16,430,642 T., im Ausgang nur 9,376,247 T. Die Einfuhr vom Ausland und den Kolonien hatte 1903 (einschließlich Queenborough) einen Wert von 173,132,088 Pfd. Sterl., und ausgeführt wurden britische Produkte im Wert von 59,607,799 Pfd. Sterl. und ausländische Produkte im Wert von 35,369,469 Pfd. Sterl. Zur Einfuhr kamen besonders Seidenwaren (Wert 3,3 Mill. Pfd. Sterl.), Schafwolle (15 Mill.), Rohbaumwolle und Baumwollwaren (3,2 Mill.), Getreide (13 Mill), Tiere (3,7 Mill.), Hammelfleisch (5,4 Mill.), Tee (9,5 Mill.), Butter, Zucker, Wein, Spirituosen, Holz, Leder, Flachs, Hanf, Kupfer, Blei, Maschinen etc. Die wichtigsten Artikel der Ausfuhr waren Baumwollwaren (6,4 Mill. Pfd. Sterl.), Metalle (6,6 Mill.), wollene Waren (3,7 Mill.), Maschinen (3,6 Mill.), Telegraphenkabel und -Apparate (1,8 Mill.), Malerfarben (1,2 Mill.), Kleider (3,4 Mill. Pfd. Sterl.), ferner Papier, Messerschmiedewaren, Waffen, Fahrräder und Motorwagen, Bier, Bücher, Zement, Chemikalien, Hüte, Jute, Kunstdünger, Öl, Porzellan, Kautschukwaren, Glas etc.

Wohltätigkeitsanstalten.

Die Armenpflege ruht in den Händen der Guardians (Armenpfleger), von denen aus Gemeindemitteln 38 Armenhäuser (workhouses, 1901 mit 46,646 Insassen), 20 Krankenhäuser, 11 Armenschulen und 24 Asyle für Obdachlose unterhalten werden. Neben ihnen bestehen 4 Asyle für Blödsinnige und 9 Fieber- und Pockenhospitäler unter einem Asylums Board, von dessen Mitgliedern 45 von den Guardians und 15 von der Regierung ernannt werden. Von 12 Irrenhäusern werden 10 auf Grafschaftskosten unterhalten, 2 (Bethlehem und St. Lukas) sind alte Stiftungen. 1904 wurden 119,896 Arme (darunter 75,585 in Anstalten) und 16,740 arme Irre gezählt. Die Gesamtkosten des Armenwesens beliefen sich 1902/03 auf 3,519,000 Pfd. Sterl. Neben den öffentlichen Anstalten besteht eine Unzahl von Privatanstalten. Darunter nehmen die 127 Krankenhäuser (einschließlich von 6 Entbindungsanstalten und 41 Häusern für Genesende und Unheilbare) einen vornehmen Rang ein. Die vier größten unter ihnen sind das 1710 gestiftete London Hospital mit 800 Betten, Guy's Hospital (1721 gestiftet) mit 710 Betten, St. Bartholomew's (1123 gestiftet) mit 678 Betten und St. Thoma s's (1563 gestiftet) mit 572 Betten. Versorgungshäuser zählt man 94; als die ältesten unter ihnen sind das 1148 gestiftete Katharinenhospital im Regent's Park und das vom Bürgermeister Whittington 1521 gestiftete »College« anzuführen. Ferner erwähnen wir 55 Dispensaries (Armenapotheken), 26 Anstalten für Blinde, 8 für Taubstumme, 56 Waisenhäuser (darunter das 1739 gegründete »Findelhaus«, in dem indes nur Kinder, deren Mütter dem Vorstand empfohlen sind, Aufnahme finden) etc. Die wichtigsten Vereine zur Förderung der Krankenpflege sind King Edward's Hospital Fund in L., der, 1897 gestiftet, bis 1902 über 1 Mill. Pfd. Sterl. aufbrachte, die League of Mercy (seit 1899), der Hospital Sunday and Saturday Fund, die Sammlungen in den Kirchen, bez. auf den Straßen veranstalten, der Bischoffsheim Ambulance Service (seit 1889, mit 55 Unfallstationen). Zu diesen Wohltätigkeitsanstalten kommen noch 92 Missionsgesellschaften (Jahreseinnahme über 11/2 Mill. Pfd. Sterl.), Vereine für Kirchenbau, Bibelgesellschaften etc.

Bildungsanstalten. Museen etc.

Vor dem Jahre 1870 war die Volkserziehung der Privattätigkeit überlassen, und die Privatschulen befanden sich in ganz erbärmlichem Zustand. Erst nach der Einführung eines von den Steuerzahlern gewählten Schulvorstandes (School Board) von 55 (später 56) Mitgliedern sind öffentliche Volksschulen eingerichtet und in würdigen Schulhäusern untergebracht worden. Der Unterricht ist seit 1891 unentgeltlich. Von 1904 ab geht die Aussicht über Elementar- und Mittelschulen auf den Grafschaftsrat über. Die Ausgaben der öffentlichen Schulbehörde betrugen 1902/03: 3,254,879 Pfd. Sterl., die Einnahmen 3,354,248 Pfd. Sterl. Die öffentlichen Schulen hatten im J. 1903 Plätze für 572,649 Kinder; von 549,667 in den Listen befindlichen Kindern besuchten im Durchschnitt 475,150 die Schule. Die Fortbildungsschulen waren durchschnittlich von 57,800 Schülern besucht. Außerdem waren die vom Staat anerkannten und unterstützten Schulen (voluntary schools) von 213,297 Kindern besucht. Unter diesen Privatschulen sind diejenigen der kirchlichen National Society und der konfessionslosen British and Foreign School Society am wichtigsten. Anderseits fehlt es an guten Schulen für die Mittelklassen, die noch großenteils auf Privatschulen angewiesen sind. Den deutschen Gymnasien oder Realgymnasien entsprechen die 6 großen öffentlichen (Public) Schulen, nämlich: St. Paul's (gegründet 1509), Christ's Hospital (Blue coat School, 1552), Westminster School (1560), die Schule der Merchant Tailors (1561), Charterhouse (1611', jetzt in Godalming), Dulwich College (1619); ihnen schließen sich an die City of London School (1834), Mill Hill School, die mit King's und University Colleges verbundenen Gymnasien und 38 Lateinschulen (Grammar Schools), der Mehrzahl nach alte Stiftungen. Die Londoner Universität war früher nur eine Examinationsbehörde, ihr ist 1898 aber eine Lehranstalt angegliedert worden, die im Imperial Institute in Kensington untergebracht ist. Dazu gehören die schon früher bestehenden Institute: University College und King's College und eine größere Anzahl von Instituten, die in 8 Fakultäten gegliedert sind: 6 theologische Schulen, 2 für Kunst und exakte Wissenschaften, eine Kunstschule, eine (das Royal College of Science in South Kensington) für exakte Wissenschaften, eine für Landwirtschaft, 10 für Medizin (davon eine für weibliche Studierende), eine (City and Guilds ot London Central technical College) für Ingenieurwissenschaft, eine für Staatswissenschaften. Für das technische Unterrichtswesen sorgt eine Kommission des Grafschaftsrats, der 4 University Schools, 8 von den 12 vorhandenen Polytechnischen Schulen, 6 von der Grafschaft und 10 von Vereinen eingerichtete Technische Institute, 11 Kunstschulen, 6 Fortbildungsschulen, 46 höhere Schulen für Knaben, 14 für Mädchen und 8 für beide Geschlechter und 22 Haushaltungsschulen unterstellt sind. Außer dem erwähnten Central technical College unterhält das City and Guilds technical Institute eine Gewerbeschule, eine Kunstgewerbeschule und eine Fachschule für Schuhmacher. An Fachschulen bestehen außerdem 2 Tierarzneischulen, 11 Lehrerseminare, die königliche Militärakademie in Woolwich, das Naval College in Greenwich, die Kunstschulen der Royal Academy und in Verbindung mit dem South Kensington Museum (letztere mit zahlreichen Zweigschulen), endlich 3 große Musikschulen (Royal Academy, Royal College und Guildhall School of Music). Der Bildung und nebenbei geistigen Unterhaltung der arbeitenden Klassen widmen sich zahlreiche Anstalten und Vereine, wie die Polytechnic Young Men's Christian Association, Working Men's College, Birckbeck Institution, der im O. gelegene People's Palace (mit Bibliothek, Turnhalle, Gewerbeschule, technischen Werkstätten etc., 1887 eröffnet) u.a. Auch besitzt L. 60 Freibibliotheken, von denen 49 auf Gemeindekosten unterhalten werden.

Unter den wissenschaftlichen und Kunstsammlungen Londons gebührt dem Britischen Museum (s. d.) der erste Rang. Das Viktoria- und Albert-Museum in South Kensington (s. Kensington-Museum), mit einem Zweig in Bethnal Green, enthält eine der größten kunstgewerbl ichen Sammlungen. Ferner verdienen Erwähnung: die Nationalgalerie (mit ca. 1650 Gemälden in 22 Sälen) auf dem Trafalgar Square, die National-Porträtgalerie (1100 Gemälde), die National Gallery of British Art (mit den Sammlungen von Tate, Watts und den aus dem Chantrey-Legat an gekauften Kunstwerken); die vom Schauspieler Alleyn gestiftete Gemäldegalerie in Dulwich, das geologische Museum in der Jermyn Street, die städtische Bildergalerie bei der Guildhall, das naturhistorische Museum und das 1893 eröffnete Imperial Institute in Kensington (mit Sammlungen von Kolonialerzeugnissen etc.), das anatomische Museum des College of Surgeons und Soane's Museum, beide in den Lincoln's Inn Fields, das Lady Brassey-Museum (ethnologische Sammlung), das Museum der United Service Institution, das Marinemuseum in Greenwich. Der Sternwarte in Greenwich (s. d.), des Botanischen Gartens in Kew (s. d.) und des Zoologischen Gartens im Regent's Park muß gleichfalls hier gedacht werden.

Vereine. Zahlreiche Privatvereine lassen sich die Pflege von Kunst und Wissenschaft angelegen sein. An ihrer Spitze stehen die Royal Society (1652 gegründet) und die Royal Academy of Arts (1768). Ferner verdienen Erwähnung: die Royal Institution (1800 gegründet, mit Laboratorium, in dem Faraday seine großen Entdeckungen machte), die Zoologische Gesellschaft (1826), die Geographische Gesellschaft, der Geologische Verein, die Linnésche Gesellschaft, die Astronomische Gesellschaft, die Statistische Gesellschaft, der Altertumsverein, die Asiatische Gesellschaft, die Society of Arts (Kunstgewerbe etc.), die London Institution in der City, 12 medizinische Gesellschaften, 8 Kunstvereine u. v. a. Die Mehrzahl dieser Vereine ist im Besitz von reichhaltigen Fachbibliotheken.

Die Presse ist ungemein tätig; es erscheinen (1908) 454 Zeitungen und Zeitschriften. Vgl. den Artikel »Zeitungen« und die Einzelartikel über die hervorragenden Tagesblätter (»Times«, »Standard«, »Daily News« etc.) und Zeitschriften; eine Übersicht der wichtigsten Blätter enthält »Hazell's Annual« für 1905.

Vergnügungsanstalten, Klubs.

Dem Kristallpalast in Sydenham und Alexandrapalast im N. Londons, beide inmitten herrlicher Gartenanlagen gelegen, können andre Städte nichts Ähnliches zur Seite stellen. In einem bei Earl's Court gelegenen Vergnügungslokal steht ein 91 m im Durchmesser großes Rad, das gleichzeitig 1600 Personen durch die Lüfte führt. Ein größeres Vergnügungslokal in der Stadt selbst ist das Aquarium mit Wintergarten in Westminster. Es gibt ferner 50 größere Theater, von denen keins vom Staat oder von der Stadt einen Zuschuß erhält. Das älteste unter ihnen ist Drury Lane, 1663 gegründet (das jetzige Gebäude wurde 1812 errichtet); das Opernhaus in Covent Garden stammt vom Jahre 1733, wurde aber nach einem Brande 1856 neu aufgebaut. Ein ständiges Opernhaus besitzt L. nicht. Ferner sind noch zu nennen: Her Majesty 's Theatre (Schauspiel) und Haymarket-Theater (Lustspiel), Globe-Theater (Lustspiel), Strand-Theater (komische Oper) etc. Vgl. H. B. Baker, History of the London stage (neue Ausg., Lond. 1904, 3 Bde.). – Unter den für Konzerte und öffentliche Versammlungen bestimmten Hallen steht die 1871 eröffnete Royal Albert Hall beim Albertdenkmal am Hyde Park (s. oben, S. 691), was Größe betrifft, obenan; außerdem sind die bedeutendsten Konzertsäle St. James' Hall und Queen's Hall. Erwähnenswert sind ferner die in Islington erbaute landwirtschaftliche Halle (Agricultural Hall), in der neben Vieh- und Pferdeausstellungen auch Konzerte gegeben werden, 17 größere Musikhallen und das weltbekannte Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud. Unter den musikalischen Vereinen sind namentlich die alte und die neue Philharmonische Gesellschaft, die neue Sacred Harmonic Society (seit 1882, die alte besteht nicht mehr) und der Wagner-Verein zu erwähnen. Daß auch den Freunden des Sports in L. Gelegenheit geboten wird, ihrem Vergnügen nachzugehen, ist selbstverständlich. Namentlich gilt das Pferderennen am Derby-Tag als allgemeines Volksfest, und auch das jährlich wiederkehrende Wettrudern zwischen den beiden Universitäten versetzt die ganze Stadt in Aufregung. Rudervereine, Kricket-, Fußball-, Golf-, Tennis- und andre Sportklubs sind zahlreich. Schließlich sei hier noch der etwa 200 eigentlichen Klubs gedacht. Die Mehrzahl ist Eigentum der Mitglieder; andre gehören Privatunternehmern, die aber die Aufnahme von Mitgliedern einem Ausschuß überlassen. Viele der Klubs liegen an der Straße Pall Mall und zählen unter die schönsten Gebäude Londons. Die Mitglieder rekrutieren sich häufig in der gleichen Gesellschafts- oder Berufsklasse. Das Athenaeum hat einen gelehrten Anstrich; im United Service und dem Army and Navy Club werden nur Offiziere zugelassen; wer im Traveller's Club Aufnahme finden will, muß Weltreisender sein; Reform und National Liberal (5500 Mitglieder) Clubs sind Sammelpunkte der Liberalen; Carlton, Constitutional (6500 Mitglieder), St. James und Conservative Clubs nehmen nur Konservative auf. Auch die Damen haben ihre Klubs (Alexandra, Writer's, New County u.a.). Insgesamt zählen diese Klubs über 100,000 Mitglieder. Diesen Klubs für die höhern Klassen schließen sich zahlreiche Arbeiterklubs an (vgl. Timbs, Clubs and club-life in L., neue Ausg. 1898).

Verfassung, Behörden, Finanzen.

Die Verwaltung der Grafschaft L. ist durch den Local Government Act von 1888 so geregelt worden: Verwaltungsbehörde ist der County Council, der aus einem Obmann (Chairman), 19 Ältesten (Aldermen) und 118 Ratsherren (Councillors), zusammen 138 Mitgliedern, besteht. Die Wahlperiode der Ältesten dauert 6 Jahre, die Hälfte (10, bez. 9) wird alle drei Jahre ergänzt. Die Ratsherren werden auf drei Jahre von den Steuerzahlern gewählt und wählen ihrerseits die Ältesten. Dem County Council steht die Aussicht über die Irrenhäuser, das Wohnungswesen, die Straßenbahnen, das Feuerlöschwesen, den technischen Unterricht und neuerdings über den ganzen mittlern und Elementarunterricht zu. Die City von L. hat ihre alte Munizipalverfassung im wesentlichen behalten. Sie wird in 27 Bezirke (wards, einschließlich des Außenbezirks von Bridge) eingeteilt. Die Stadträte (Common Councillors) werden jährlich, 4–16 für jeden Bezirk, von der Bezirksversammlung (Ward-mote) gewählt, in der nur Bürger (Freemen) Sitz und Stimme haben. Das Bürgerrecht wird den Söhnen, Töchtern und Lehrlingen unentgeltlich, Auswärtigen aber, die in der City ein Geschäft betreiben, gegen Zahlung einer geringen Taxe erteilt. Am Montag nach dem Dreikönigstag werden die erwählten Common Councillors dem in der Guildhall tagenden Court of Aldermen (Rat) vorgestellt. Die Aldermen (Ratsherren), je einer für jeden Ward (für die beiden Wards von Cripplegate zusammen einer), werden gleichfalls im Fall einer Vakanz vom Ward-mote und zwar auf Lebenszeit gewählt. Sie bilden den Court of Aldermen und, gemeinschaftlich mit den Common Councillors, den Court of Common Council (Gemeinderat), der aus 232 Mitgliedern, einschließlich der 26 Aldermen, besteht. In diesen zwei Versammlungen sowohl als in der Common Hall (d.h. der Gemeinschaft sämtlicher Liverymen der unten erwähnten City Companies) führt ein jährlich 29. Sept. gewählter Lord-Mayor den Vorsitz. In der Regel wird der älteste Alderman für diesen Ehrenposten in Vorschlag gebracht, und seine Amtsdauer ist selten über ein Jahr. Der Common Hall steht das Recht zu, den künftigen Lord-Mayor vorzuschlagen; die Aldermen aber haben das Recht der Wahl, die vom Lord-Kanzler im Namen der Krone bestätigt wird. Am 8. Nov. leistet der neue Lord-Mayor seinen Diensteid vor dem Court of Aldermen, und am folgenden Tage begibt er sich in pomphaftem Auszug (Lord-Mayor's Show) nach dem obersten Gerichtshof, wo er der Krone Treue schwört. Am Abend findet in der Guildhall ein Festessen statt, dessen Unkosten von dem Lord-Mayor und den beiden Sheriffs bestritten werden. Der Lord-Mayor nimmt nächst dem König in der City den höchsten Rang ein; er ist Mitglied des Geheimen Rats, Richter im Zentralkriminalgericht, Lord-Lieutenant der City und Hafenadmiral von L. Seine Amtswohnung ist im Mansion House, und es wird von ihm erwartet, daß er die altberühmte Gastfreundschaft der City in Ehren hält. Er bezieht einen Gehalt von 10,000 Pfd. Sterl. Die städtischen Beamten werden vom Court of Aldermen, vom Court of Common Council oder von der Livery (s. unten) erwählt. Unter ihnen sind zwei Sheriffs, ein Recorder und ein Common Serjeant (beide Stadtrichter), ein Chamberlain (Schatzmeister) u.a. Eine bedeutende Rolle in der Verwaltung der City spielen die aus den Gilden des Mittelalters hervorgegangenen City Companies. Es gibt deren 79, aber nur 76 unter ihnen sind sogen. Livery Companies (s. Livery), d.h. sie sind in der obenerwähnten Common Hall vertreten. Die 12 vornehmsten sind diejenigen der Seidenhändler (mercers), Gewürzhändler, Tuchhändler, Fischhändler, Goldschmiede, Kürschner, Schneider, Kurzwarenhändler, Salzhändler, Eisenhändler, Weinhändler und Tuchbereiter. Diese Companies haben eine jährliche Einnahme von 750–800,000 Pfd. Sterl. und ein Vermögen von ca. 15 Mill. Pfd. Sterl. Vgl. Ditchfield, The City Companies of L. and their good works (1904). Die City als Korporation hat ein Einkommen von 7–800,000 Pfd. Sterl.

Die durch den London Government Act von 1899 eingerichteten Metropolitan Boroughs haben jeder einen Mayor, 5–10 Älteste und einen Stadtrat (Borough Council) von 30–60 Stadträten (Councillors), zusammen 1362 Councillors. Das Wahlrecht zum Borough Council unterliegt denselben Bedingungen wie das zum Parlament, nur können auch Frauen ihr Wahlrecht ausüben, jedoch nicht gewählt werden. Die Wahlperiode ist dreijährig, die Ältesten werden von den Stadträten auf 6 Jahre, der Mayor jährlich gewählt. Auf den Borough Council sind die Rechte der frühern Vestries und District Boards übergegangen. Ihm steht die Aussicht über die Armenpflege, das Gesundheitswesen, öffentliche Bäder, Schlachthäuser, Freibibliotheken, Friedhöfe, der Bau von Arbeiterwohnungen, einzelne Teile der Straßenpolizei zu, er veranschlagt und erhebt eine Steuer (general rate). Das Rechnungswesen wird von Revisoren, die vom Lokalverwaltungsamt bestellt sind, geprüft.

Das steuerpflichtige Einkommen innerhalb der Grafschaft betrug 1903: 40,590,786 Pfd. Sterl., die Grafschaftssteuer (Council's rates) 2,832,894 Pfd. Sterl. (163/4 Pence auf 1 Pfd. Sterl.); die Einnahmen wurden 1903/04 auf 4,912,913, die Ausgaben auf 4,703,270 Pfd. Sterl. geschätzt. Die Schuld betrug 1903: 57,6 Mill. und nach Abzug der Aktiva 28,7 Mill. Pfd. Sterl. An Gemeinden (Civil Parishes) zählt man 196, an Kirchspielen (Ecclesiastical Parishes) 58, mit Teilen von 11 andern. Die unter dem County Council stehende, 1866 errichtete Feuerwehr ist (1904) 1036 Mann stark und mit 78 Dampf- und 15 Handspritzen, 120 Rettungsapparaten, einem Floß, 4 Schleppdampfern, 17 Booten etc. ausgerüstet. Die 1829 geschaffene hauptstädtische Polizei steht unter dem Minister des Innern, ist (1902) 16,374 Mann stark und kostet 1902/03: 2,154,145 Pfd. Sterl. Außerdem hat die City eine Polizei von 1050 Mann.

L. ist Sitz der obersten Gerichtshöfe des Landes. Ein Zentralkriminalgericht für ganz L. hat seinen Sitz im Old Bailey bei Newgate unter Vorsitz eines königlichen Richters und der zwei Stadtrichter. In betreff der Rechtspflege ist sonst die City von der Grafschaft L. abgetrennt; in beiden halten die Friedensrichter gesondert ihre üblichen Sitzungen (in der Grafschaft L. eine Vierteljahrssitzung und 17 kleine Sitzungen). Die zwölf County Court's (s. England, S. 804) sowohl als zwei städtische Gerichtshöfe in der Guildhall haben Jurisdiktion in Zivilsachen. Die niedere Gerichtsbarkeit wird von 16 Polizeigerichten ausgeübt, wovon 2 in der City, unter Vorsitz des Lord-Mayors und eines Ratsherrn, und 14 im Reste der Hauptstadt (einschließlich West Ham), unter Vorsitz besoldeter Richter, tagen. L. hat 6 Gefängnisse, darunter 4 für Strafgefangene (Convicts).

Umgebungen

(Hierzu Karte: »Umgebung von London«).

Dicht an den Grenzen Londons liegen der County Borough West Ham (267,358 Einw.), Leyton (98,912) und Walthamstow (95,131) in Essex; Tottenham (182.541), Hornsey (72,056), Willesden (114,811), Acton (37,744), Chiswick (29,809), Ealing (33,031), Hanwell (10,438) und Brentford (15,171) in Middlesex; Richmond (31,672), Kingston upon Thames (34,375), Wimbledon (41,652) und der County Borough Croydon (133,895) in Surrey; Beckenham (26,331), Bromley (27,354) und Dartford (18,644) in Kent. Wenn auch das im SW. gelegene Wimbledon Common und die Parke von Kew, Richmond und Hampton Court beliebte Anziehungspunkte bieten, so besitzt auch der Nordosten im Eppinger Wald (s. Epping) einen schönen öffentlichen Park. Selbst in größerer Entfernung, bei Maidenhead, hat die City das Burnham Beeches genannte Wäldchen erworben.

Geschichte.

L. war schon zur Römerzeit eine bedeutende Stadt, wird aber weder bei Cäsars noch bei Claudius' Zug, sondern zuerst von Tacitus genannt. Der Name ist keltisch, seine Ableitung unsicher. Zur Zeit der Römer hieß L. Londinium (Lundinium) und war römische Kolonie. Unter den Angelsachsen hieß es Lundenburg oder Lundenwic, war Bischofssitz und Hauptstadt der Könige von Essex. Gegen das Ende des 8. Jahrh. wurde es viermal durch Feuersbrünste fast ganz zerstört und im 9. Jahrh. zweimal von den Dänen genommen. 886 gab Alfred d. Gr. die Stadt ihren alten Einwohnern zurück, befestigte sie und stellte sie unter den Alderman von Mercia. Wilhelm I. verlieh L. 1066 einen Freibrief; er ist der Erbauer des Towers. In dem unter König Johann zwischen der Krone und den Baronen entbrennenden Streit stand L. auf der Seite der letztern, und Johann mußte in der Magna charta die Rechte und Privilegien der Stadt bestätigen und erweitern. 1377 hatte L. 35,000 Einw. An den Kämpfen zwischen der Weißen und Roten Rose beteiligte sich die Stadt zugunsten des Hauses York. Gegen die spanische Armada (1588) konnte L. schon 20,000 Mann und 38 Schiffe stellen. 1660 betrug die Zahl der Einwohner 1/2 Mill. 1665 raffte die Pest über 68,000 Menschen weg, und eine Feuersbrunst verzehrte 2. Sept. 1666: 13,200 Häuser. Die Zunahme des Handels, die Geschäftsverbindung mit Rußland, die Gründung der amerikanischen Kolonien, die Entstehung der Ostindischen Kompanie und einer andern für den Handel mit der Türkei und der Levante gaben L. einen bedeutenden Aufschwung. Ein Dekret von 1710 ordnete die Erbauung von 50 neuen Kirchen in L. und seinen Vorstädten an. Vielfach war L. der Ort von diplomatischen Unterhandlungen. Besonders wichtig waren in neuerer Zeit der Vertrag mit Frankreich und Rußland vom 6. Juli 1827 zugunsten Griechenlands, die Konferenzen, die 1829 und 1832 über das Schicksal Griechenlands, 1830–31 und 1839 über das Belgiens entschieden; ferner der Kongreß von 1852, der durch das Protokoll vom 8. Mai die dänische Thronfolge und die schleswig-holsteinische Sache ordnete. 1863 fanden abermals Konferenzen über die Neubesetzung des griechischen Thrones, vom April bis Juni 1864 zur Schlichtung des deutsch-dänischen Streites, endlich 1871 über die Revision des Pariser Friedens von 1856 statt. Am 20. Aug. 1846 wurde in L. die große Evangelische Allianz (s. d.) gestiftet. 1851 und 1862 fanden in L. Weltindustrieausstellungen statt.

Vgl. Norton, History, constitution etc. of the city of L. (3. Aufl. 1869); Jesse, L., its celebrated characters and remarkable places (1871, 3 Bde.); Walford, Greater L., a narrative of its history (1882–84, 2 Bde.; neue Ausg. 1898); Loftie, History of L. (2. Aufl. 1884, 2 Bde.); Cassells »Old and new L., a narrative of its history« (1887, 6 Bde.); Wheatley, L. past and present (1891, 3 Bde.); Besant, L. (1894); Sharpe, L. and the Kingdom (1894, 3 Bde.); Welch, Modern history of the city of L. (1896); Gomme, L. in the reign of queen Victoria (1898); Firth, Municipal L. (1876); J. Hunt, L. local government (1897, 2 Bde.); Seager, Government of L. under L. Government Act 1898 (1899); Round, Commune of L. (1899); A'Beckett, L. at the end of the century (1899); Heckethorn, London memories, social, historical, topographical (1900); Sims, Living L. (1902–03, 2 Bde.); C. Booth, Life and labour of the people in L. (1903, 3 Abtlgn. in 17 Bdn.); Hutton, Literary landmarks of L. (8. Aufl. 1892); Hare, Walksin L. (6. Aufl. 1894, 2 Bde.); Loftie, Round about L. (6. Aufl. 1893); Pascoe, L. of to-day (zuletzt 1903); Lloyd, The L. manual (jährlich); Kemmann, Der Verkehr Londons (Berl. 1892); Steffen, In der Fünfmillionenstadt (Stuttg. 1895); Sinzheimer, Der Londoner Grafschaftsrat (das. 1900, Bd. 1); Baumann, Londinismen (Wörterbuch der Londoner Volkssprache, Berl. 1887); Reisehandbuch von Bädeker (15. Aufl., Leipz. 1905; auch in engl. Ausgabe).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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